Federica Brignone: «Crans-Montana ist einer meiner Lieblingsorte»
Zehn Monate nach ihrer schweren Verletzung am linken Bein ist Federica Brignone in den Wettkampf zurückgekehrt. An diesem Wochenende wagt sich die italienische Championne auf der von ihr geschätzten Piste Mont Lachaux wieder an die Speeddisziplinen.
Das Lächeln, das Federica Brignone am Mittwoch im Zielbereich von Crans-Montana zeigte, sprach Bände über ihre Freude, wieder Teil des FIS Ski Weltcups zu sein. Zehn Monate nach ihrem Beinbruch bei den italienischen Meisterschaften schnallte sich die Athletin aus dem Aostatal erstmals wieder die langen Geschwindigkeitsskier für ein Weltcuptraining an. Ihr 33. Rang im ersten Abfahrtstraining war dabei nebensächlich, das Wesentliche lag für die italienische Skirennfahrerin anderswo. «Ehrlich gesagt, ich hatte Spass», freute sich die Gewinnerin der letzten grossen Kristallkugel.
Am Dienstagabend wurde ihr die Startnummer 1 zugeteilt. «Ich dachte mir, perfekt.» Es blieb nur noch, sich auf die Piste Mont Lachaux zu stürzen, auch wenn eine gewisse Anspannung angesichts von Geschwindigkeiten über 120 km/h natürlich vorhanden war. «Eigentlich ging alles ganz leicht. Der Schnee war hart unter den Skiern, ideal, um wieder Vertrauen zu fassen. Mein Ziel ist es, Schritt für Schritt vorzugehen und vor allem keine Angst mehr zu haben.»
Vor fünf Monaten noch nicht gehfähig
Es grenzt an ein kleines Wunder, die italienische Championne weniger als ein Jahr nach ihrem schweren Unfall wieder auf Skiern zu sehen. Nur wenige Athletinnen hätten dieses zunächst unrealistisch erscheinende Ziel erreicht. «Wenn ich daran zurückdenke, ist es verrückt. Fünf Monate nach der Verletzung konnte ich nicht richtig gehen. Es war extrem schwierig. Aber tief in mir habe ich immer daran geglaubt, sonst wäre ich heute nicht hier», betont «Fede», die sich von Beginn an das Ziel gesetzt hatte, an den Olympischen Spielen in Italien teilzunehmen und dort leistungsfähig zu sein.
Dieses Ziel nahm bereits in der vergangenen Woche in Kronplatz konkrete Formen an. Federica Brignone ging nicht nur im Riesenslalom an den Start, sondern überzeugte mit einem starken 6. Platz. «Für mich ist es wichtig, den Mut zu haben, im Hinblick auf die Olympischen Spiele wieder anzugreifen. Ich muss meine Entscheidungen annehmen und mutig sein. Je konsequenter ich das Tag für Tag umsetze, desto mehr Vertrauen werde ich in einem Monat haben.»
Noch immer starke Schmerzen
Die Schmerzen sind nach wie vor präsent, auch wenn das Adrenalin beim Skifahren wie ein Betäubungsmittel wirkt. Entzündungshemmende Medikamente, Eisbehandlungen sowie tägliche Einheiten in Physiotherapie und Konditionstraining gehören weiterhin zum Alltag. «Mental ist es der schwierigste Teil. Vertrauen auf Skiern zu haben, ist wirklich nicht einfach. Aber ich weiss auch, dass ich gut fahre und die Kontrolle habe», erklärt die Skirennfahrerin mit 85 Weltcup-Podestplätzen, die langsam wieder Freude empfindet. «Ich habe so sehr gelitten, es war so hart, ich habe unglaublich viel investiert, um hierher zu kommen. Heute sage ich mir, dass ich glücklich sein kann, hier zu sein, und das ist wunderschön.»
Und welcher Ort wäre besser geeignet für ein Comeback als das Haut-Plateau, auf einer Piste Mont Lachaux, die sie liebt, wie ihre vier Siege und insgesamt neun Podestplätze eindrücklich zeigen. «Vor einer Woche war ich sehr gestresst und hatte wenig Vertrauen. Aber ich habe mich entschieden, hierherzukommen, weil Crans-Montana einer meiner Lieblingsorte ist.»
Die Freude, einfach wieder Ski zu fahren
Während ihre Teilnahme am Super-G am Samstag feststeht, wird die Italienerin erst kurzfristig entscheiden, ob sie am Freitag auch in der Abfahrt an den Start geht. Doch nach ihrer ersten Fahrt am Mittwoch fühlt sich Federica Brignone bereits «befreit». Ihr Lächeln spricht für sich. «Ich bin einfach glücklich, hier zu sein. Wieder Teil der Gruppe zu sein, die Menschen, den Wettkampf und vor allem die Piste wiederzusehen. Die Kurven, die Schwünge und die Freude am Skifahren haben mir extrem gefehlt.»
Foto: Deprez-Dupuis